Das totale Herz als Hirntod

Moralische Positionen gegen allgemeine, abstrakte Regeln

Tim Marshall

Diskussionen nach Tragödien sind zum Verzweifeln. Mitunter ertappe ich mich dabei, mehr an ihnen zu leiden, als am vorangehenden Unglück. Seit dem mörderischen Terroranschlag vom Breitscheidplatz wird wird in Ecken des Internets Stimmung gemacht, die mir näher sind, als mir lieb ist.

In einem Fall wird in einem nicht öffentlichen Facebook-Post behauptet, dass Politik und Medien die Identität der Opfer vom Breitscheidplatz aus niederträchtigen Gründen geheim hielten.

„Ich stelle die These auf, dass wir nichts über die Opfer erfahren und dies politisch gewollt ist. […] Hätten die Opfer Gesichter und Namen, dann würden wir deren Schicksale mit viel grösserer Anteilnahme wahrnehmen, mitleiden, mittrauern, mitverzweifeln, mitweinen, mitzürnen.“

As juristische Spitzfindigkeit abgetan wird mein Einwand, dass die Opfer und Hinterbliebenen zuvorderst einen Anspruch auf Schutz ihrer Privatsphäre haben, hinter dem das Sensationsinteresse der Öffentlichkeit zurückzustehen hat, dass ihnen der Weg an die Öffentlichkeit immer noch offen steht. Dass Pressekodex und Persönlichkeitsrecht so einem Anliegen entgegen stehen.

Schlussendlich wird nach einigem Hin und Her (das im Einzelnen wiederzugeben müßig wäre) bekräftigt, widerlich sei vor allem „die Entmenschlichung der Opfer durch Anonymisierung“.

Da werden die Portraits der Ermordeten wie Trophäen gesammelt, wie Panini-Bildchen der Pseudobetroffenheit.

Dass deutsche Behörden und Medien die Opfer nicht der Öffentlichkeit für als Trauer verbrämte Wohlfühl-Rituale zur Verfügung stellen, “bedrückt mich und in meinem Herzen spüre ich siebenmal Leere”, wird an anderer Stelle schlagerparadenreif beklagt.

Diese Unsitte, das Leiden Dritter für den eigenen Distinktionsgewinn in der jeweiligen Horde zu verzwecken, hat aus der akademischen Linken auch auf Kreise übergegriffen, die mal als liberal-konservativ galten.

Diesen rechtschaffen Wähnenden ist vorzuwerfen, dass sie „Betroffenheitsmasturbation und Leidens-Voyeurismus“ betreiben. Passend dazu bringen sie im Gegenzug eine Betroffenheits-Heulboje par excellence in Anschlag: „Katrin Göring-Eckardt würde jetzt schreiben: mir ist sehr kalt.“

Der Keis ist komplett. Fast alle wollen dass sich die Gesellschaft nach ihren eigenen emotionalen Impulsen richtet, statt nach allgemeinen und abstrakten Regeln. Jene, die den zweifelnden, abwägenden, mit sich stets ringenden demokratischen Entscheidungsprozess gegen die Totale des Gefühls eintauschen wollen, sägen — vielleicht unabsichtlich — an den Pfeilern der offenen Gesellschaft.

Nichts gegen die Leidenschaft. Sie ist notwendig.

Doch wo in ihrem Namen die Vernunft ausgelöscht werden soll; wo „mitleiden, mittrauern, mitverzweifeln, mitweinen, mitzürnen“ und „siebenmal Leere“ das Mitdenken ersetzen: Wie sollen dort noch angemessene Antworten gefunden werden?

Dann rammt die Leidenschaft alle Zweifel aus ihrer Bahn und wer die Leidenschaft steuert, steuert den Rest.

Was kann die Ratio gegen das derart totale Herz noch ausrichten?

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